1988
HANDBUCH DER MEDIZINKOMMUNIKATION
1.2.2. Aktivitäten des Kollegiums der MedizinJournalisten
Die Gründung des Kollegiums der MedizinJournalisten am 6. Februar 1965 im Taunus-Hotel in Wiesbaden fiel nicht von ungefähr in ein Jahrzehnt, in dem sich die Wechselbeziehungen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu verwandeln begannen und sich das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten veränderte. Spektakuläre Innovationen hatten das Interesse breiter Bevölkerungskreise am medizinischen Fortschritt geweckt: Mit der jungen Herzchirurgie betraten die "Halbgötter in Weiß", die ihre Kunst bislang stets in der strengen Abgeschiedenheit steriler Operationssäle ausgeübt hatten, einen sehr sensiblen Bereich der Medizin: Sie griffen nach dem vermeintlichen Sitz der Seele. Andere Fachgebiete der Medizin - etwa Intensivpflege, künstliche Nieren, Nierentransplantationen, Gelenkersatz - gerieten ebenfalls in die Schlagzeilen und forderten das Interesse von Gesunden und Kranken heraus. Das sich rasch ausbreitende Kurwesen setzte bei den Patienten medizinische Grundkenntnisse, Gesundheitsbewußtsein und Compliance voraus, ein Wort, das es damals noch nicht gab. So wuchs allenthalben in der Bevölkerung das Bedürfnis nach Informationen aus dem Medizinbetrieb.
Plötzlich waren FachJournalisten gefragt, die zwischen der medizinischen Wissenschaft und dem Mann auf der Straße eine Mittlerrolle zu übernehmen in der Lage waren. Doch die wenigen WissenschaftsJournalisten jener Tage standen oft vor ver schlossenen Türen: Verkrustetes Standesdenken und die berechtigte Furcht vieler Ärzte, mit einem Interview gegen das strenge ärztliche Werbeverbot zu verstoßen, brachten selbst gutwillige Informanten in Gewissensnot. 1962 hielt es beispielsweise der hoch angesehene Düsseldorfer Herzchirurg Professor Dr. med. Dr. med .h.c. mult. Ernst Derra für notwendig, die Nordrhein-Westfälische Landesärztekammer um das schriftliche Einverständnis zu bitten, bevor er einem (promovierten) MedizinJournalisten eine Fotoreportage von einer offenen Herzoperation gestattete.
Allmählich kündigte sich ein Wandel an: 1969, im gleichen Jahr, da die Bundesärztekammer befand, Medizin gehöre nicht in die Öffentlichkeit, lud Professor Ludwig Demling das Kollegium zu einem zweitägigen Arbeitsprogramm in die Medizinische Universitätsklinik Erlangen ein. Er wisse, schrieb Demling an das Kollegium, "daß Journalisten kaum jemals Gelegenheit haben, einen Klinikbetrieb aus eigener Anschauung näher kennen zu lernen." Aus Freude über seine Großherzigkeit wurde Professor Demling damals mit einem symbolischen "F" als "Freund des Kollegiums" geehrt. Diesen Dank für "außergewöhnliche Verdienste um das Kollegium" haben neben ihm erhalten Harald Hölscher, Hans Josef Mundt, Kate Strobel, Ruth Freifrau von Thüna, Hubertus von Tobien, Friedrich Voges, Gerd Wassenberg, Walter Weber, Fritz Weilenmann, Hans-Dieter Wendt und Sylvester Wöhler. (Außerdem pflegt das Kollegium für hilfreiche Unterstützung journalistischer Arbeit einen "Goldenen Groschen" zu vergeben.)
Das Kollegium war ein aus der Not geborener kollegialer Zusammenschluß von 21 fähigen MedizinJournalisten - es sollte weder ein eingetragener Verein noch eine berufsständische Organisation sein. Gründungsmitglieder waren Wolfgang Cyran, Günter Dahl, Hoimar von Ditfurth, Walter Erdmann, Karl M. Kirch, Bernhard Knoche, Paul Kühne, Erwin Lausch, Theo Löbsack, Hans Gerhard Meyer, Hans Mohl, Rolf S. Müller, Dieter Müller-Plettenberg, Alfred Püllmann, Thomas von Randow, Herbert L. Schrader, Georg Schreiber, Herbert Volkmann, Friedrich Weeren (Friedrich Deich), Eric Weiser und Christoph Wolff. Sie nahmen sich vor, einander in kritischen Situationen beizustehen. Als Paul Kühne starb, machten sie es möglich, daß seine Tochter ihr Medizinstudium weiterführen konnte; und nach dem Tod von Herbert Volkmann übertrugen sie, für einen fixen Ehrensold, seiner Witwe Liselotte die Betreuung der Kollegiumskasse.
In erster Linie ging es jedoch um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für MedizinJournalisten: Der frustrierende Umgang mit schwierigen ärztlichen Informanten und fachunkundigen Chefredakteuren, die in der Medizinberichterstattung nicht viel mehr als einen unterhaltsamen Nervenkitzel sahen, hatte die Vereinigung Gleichgesinnter gefördert, wenn nicht provoziert. Die in der dpa-Meldung von der Kollegiumsgründung erklärte Absicht, sich stets für "eine qualifizierte Berichterstattung und Information der Öffentlichkeit über medizinische Fragen" einzusetzen, ist als Selbstverpflichtung zu verstehen und das Leitmotiv des Kollegiums geblieben.
Gleich zu Beginn war beschlossen worden, daß künftig drei Sekretäre, einer von ihnen geschäftsführend, das Kollegium leiten solle. Diese Spielregel hat noch heute Gültigkeit, wenngleich die Intervalle zwischen den Neuwahlen des Sekretariats mehrmals modifiziert werden mußten; denn ohne Nachdruck hat sich kaum ein Mitglied dazu bereit erklärt, die ehrenamtliche und viel Zeit beanspruchende Geschäftsführung zu übernehmen. So kam es, daß der Journalist Dr. med. Georg Schreiber von 1965 bis 1975 als einfallsreicher geschäftsführender Sekretär den Werdegang des Kollegiums bestimmt hat. Sein Engagement kam dem Kollegium zugute, forderte aber schließlich aus den eigenen Reihen Kritik heraus. Die Sitzungsprotokolle jener Jahre weisen allerdings aus, daß nach seinem Rücktritt kein Mitglied geneigt war, seine Pflichten zu übernehmen. Ohne Kopiergerät, mittels ungezählter Blaupausen, verschickte er regelmäßig eng beschriebene Rundbriefe an die Kollegen und schrieb allein in den ersten Jahren nach der Gründung tausend Briefe.
Wie groß der Bedarf an medizinischer Berichterstattung in der Laienpresse war, zeigte sich bald: Viele Anfragen von Zeitungsredaktionen flatterten in Schreibers Minibüro in Gräfelfing: "Wer von Ihnen kann was über Grippe schreiben ?" "Wir suchen einen Pressereferenten." "Wer hat Kenntnisse über Rheuma ?" "Wer kann ein Buch schreiben, wer einen Film machen ?" Ehrenvolle und auch absichtsvolle Einladungen ergingen an das Kollegium, doch kollektive Einladungen wurden und werden abgelehnt. Ein neuer Markt hatte sich aufgetan, die Ware hieß: Gesundheit. In den illustrierten Zeitschriften eroberte sich schon bald der ratgebende "Hausarzt" einen festen Platz.
Nachdem etwa 50 bundesdeutsche Zeitungen über die Kollegiums-Gründung berichtet hatten, trafen Glückwünsche ein von der Bundesärztekammer, den Ärzteorganisationen, den Kongreßpräsidenten, den Universitäten, vom Gesundheitsministerium und von den Parteien. Bis zum 25. März 1965 lagen 16 Aufnahmeanträge u.a. von sechs Ärzten und sechs Redakteuren vor. Bald darauf schrieb das Kollegium die Aufnahme-Modalitäten fest: "Eine Mitgliedschaft kann nicht beantragt werden. Neue Mitglieder können nur durch das Kollegium berufen werden. Dazu notwendig sind eine Dreiviertelmehrheit und die schriftliche Stimmabgabe sämtlicher Kollegiumsmitglieder". Dieses Verfahren hat sich bewährt, wenngleich Außenstehende darin bisweilen "elitäres Gehabe" zu erkennen glauben.
Nachdem das Kollegium für den 9. Dezember 1965 Bonner Prominenz aus der Wissenschafts- und Gesundheitspolitik in die Godesberger Redoute mit dem freundlichen Hinweis eingeladen hatte, die Gäste seien zwar sehr willkommen, aber nicht "eingeladen", war die Idee "umgekehrter Pressekonferenzen" geboren - eine Art gezielter Weiterbildung für die Mitglieder des Kollegiums: Journalisten werden für gewöhnlich von Interessengruppen, Werbeagenturen oder Forschungsinstituten zu einem Informationsgespräch eingeladen. In Umkehrung dieser Gepflogenheit veranstaltet das Kollegium Pressegespräche, um bestimmte Themen, die der Tagesaktualität entstammen oder von besonderem Interesse sind, mit geladenen Experten zu erörtern. Viele solche Symposien haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten stattgefunden und sind zu einer Institution geworden. Die Diskussionen mit Wissenschaftlern und Politikern, Demoskopen und Ordinarien, die entweder (auf eigene Kosten) zu einem vorgegebenen Tagungsort anreisen oder an ihrem Arbeitsplatz aufgesucht werden, bestehen nicht aus aneinandergereihten Vorträgen. Erwünscht sind allenfalls kurze Statements, die ein Problem verdeutlichen und die Diskussion in Gang setzen. Dabei werden nicht selten Aspekte angesprochen, die entweder als Hintergrundwissen vertraulich behandelt werden sollen oder Rückschlüsse auf zukünftige Trends erlauben - News in statu nascendi.
"Kranke am Steuer", "Heilpraktiker - brauchen wir sie oder nicht ?", "Fluglärm - was kommt auf uns zu ?" oder "Brauchen wir ein Gesundheitsministerium ?" waren Fragestellungen, die erst Jahre später in das Bewußtsein der Öffentlichkeit eindrangen. Diskussionsthemen wie "Sterbehilfe", "Kann und wie soll man Ärzte kontrollieren ?" oder "Wird in der Bundesrepu-
blik zuviel operiert ?" setzten sich kritisch mit dem Medizinbetrieb auseinander.
Mehrmals stellte das Kollegium den MedizinJournalismus in Frage und versuchte zu analysieren, ob die medizinische Aufklärung Nutzen oder Gefahren birgt ("Beraten und verkauft"). Nachdem der Schriftsteller-Chirurg Julius Hackethal in zwei Büchern seine Kollegen aufs Korn genommen hatte und deshalb vom Kollegium nach Bonn eingeladen worden war, kam es zum Eklat: In der Nacht vor der Diskussionsveranstaltung kündigten zwölf namhafte Ordinarien ihre Teilnahme auf, weil sie einem Streitgespräch aus dem Weg gehen wollten. Sie überließen die leere Bühne dem "Nestbeschmutzer".
Zwei Veranstaltungen aus der jüngeren Vergangenheit können als typische Beispiele für das Weiterbildungs-Bestreben des Kollegiums herangezogen werden: Im Herbst 1985 ging es in Würzburg in Abwandlung der WHO-Fiktion ("Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000") um "Krankheit im Jahr 2000", mithin um neue oder nicht ausrottbare Leiden. Zwanzig Wissenschaftler und ebensoviele Journalisten diskutierten einen Tag lang über das zur Jahrhundertwende zu erwartende Krankheits-Szenarium und die möglichen Veränderungen im Gesundheitswesen.
Der Besuch des Aachener Klinikums im Frühjahr 1986 bot den Kollegiumsmitgliedern Gelegenheit, Spitzenforschung "hautnah" zu erleben. Der Besuch von acht Klinik- und Forschungsabteilungen der Technischen Hochschule Aachen zeigte einmal mehr, wie grundlegend sich die Einstellung der Wissenschaftler zur Öffentlichkeit gewandelt hat. Die Veranstaltung fand Niederschlag in vielen Veröffentlichungen.
Ein vom Sekretariat herausgegebener "Info-Dienst", acht- bis zwölfmal im Jahr verschickt, unterrichtet die Mitglieder über Kollegiumstagungen, Kongresse, Neuigkeiten, Ehrungen, Geburtstage und Aktivitäten sowie Neuerscheinungen von Büchern von Kollegen. Protokolle informieren über Verlauf und Beschlüsse von Mitgliederversammlungen. Ein großer Teil des jährlichen Beitrages der 66 Mitglieder, gegenwärtig 120 Mark, wird für Porti und Drucksachen verbraucht. Der durch Rundbriefe ergänzte postalische Kontakt fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder, von denen für gewöhnlich nur 30 bis 50 Prozent an den Kollegiumstagungen teilnehmen können; denn die in ein festes Arbeitsverhältnis eingebundenen Damen und Herren sind, wenn sie dabei sein wollen, entweder auf die Großzügigkeit ihrer Chefs angewiesen oder müssen eigens Urlaub nehmen. Die freiberuflich tätigen MedizinJournalisten sind mitunter durch andere Verpflichtungen verhindert.
Die Spezialisierung hat nicht nur die medizinische Wissenschaft in zahlreiche Disziplinen aufgesplittert; auch im Medizinjournalismus hat eine Aufgliederung stattgefunden: Alle Kollegiumsmitglieder sind tätig für Publikumspresse (dies ist eine Voraussetzung für die Mitgliedschaft), die meisten beliefern auch die medizinische Fachpresse. Sie arbeiten für Rundfunk und Fernsehen oder sie schreiben Bücher. Infolgedessen gibt es kaum eine Diskussionsveranstaltung, die für alle Mitglieder gleichermaßen von Interesse wäre. Zum zehnjährigen Jubiläum kam eine Selbstdarstellung des Kollegiums, das Buch "Vorsicht Medizin" auf den Markt. Es enthält Beiträge von 34 Autoren.
Neue Mitglieder haben mitunter den Wunsch geäußert, nicht nur einem "Club Gleichgesinnter" angehören zu wollen. Sie forderten vielmehr, das Kollegium müßte überall dort korrigierend und tadelnd eingreifen, wo MedizinJournalismus ohne Verantwortungsbewußtsein praktiziert wird. 1975 wurde besonders heftig darüber diskutiert, ob das Kollegium als berufsständisches Instrument genutzt und straffer organisiert werden sollte. Der Streit führte zum Austritt einiger Mitglieder. Doch soweit erkennbar haben diese ihre ehrgeizigen Vorstellungen bisher nicht verwirklichen können. Es ist in der Tat schwer vorstellbar, daß sich eine Gruppierung von Journalisten zum Schiedsgericht über Kollegen aufschwingt. Das Kollegium hat damals Leitsätze formuliert, die für jeden Publizisten bindend sein sollten, der über Kranke und Krankheiten, Ärzte und Behandlungen schreibt. Sie lauten:
Der mit dem Erscheinen mehrerer ärztlicher Tageszeitungen exponentiell gewachsene Bedarf an medizinisch vor- oder ausgebildeten Journalisten scheint auch in der Publikumspresse das Bewußtsein für eine Qualifizierung medizinischer Berichte geschärft zu haben. Auch das Engagement des Kollegiums um eine adaequate Behandlung medizinischer Themen in der Laienpublizistik hat sich gewandelt: Da die Versuche fehlschlugen, über Verleger und Chefredakteure auf die Medizinredaktionen einzuwirken, beruft das Kollegium seit geraumer Zeit solche Damen und Herren ins Kollegium, deren Talent und deren sachliche Darstellung medizinischer Sachverhalte in Rundfunk, Fernsehen oder den Printmedien offenbar ist. In der individuellen Förderung und moralischen Stärkung begabter Journalisten zeigt sich eine Möglichkeit, um die vom Kollegium erarbeiteten Grundsätze medizinpublizistischer Arbeit auch in jenen Redaktionen anzusiedeln, in denen die medizinische Berichterstattung noch nicht als eine für Patienten relevante Information, sondern als Sensation dargeboten wird.
Die Zeit ist vorüber, da eine Handvoll mutiger MedizinJournalisten dem Medizinbetrieb Denkanstöße und Anregungen zu geben vermochte. Das Kollegium der MedizinJournalisten muß seine Aufgabe darin sehen, Verantwortungsbewußtsein vorzuleben.
Plötzlich waren FachJournalisten gefragt, die zwischen der medizinischen Wissenschaft und dem Mann auf der Straße eine Mittlerrolle zu übernehmen in der Lage waren. Doch die wenigen WissenschaftsJournalisten jener Tage standen oft vor ver schlossenen Türen: Verkrustetes Standesdenken und die berechtigte Furcht vieler Ärzte, mit einem Interview gegen das strenge ärztliche Werbeverbot zu verstoßen, brachten selbst gutwillige Informanten in Gewissensnot. 1962 hielt es beispielsweise der hoch angesehene Düsseldorfer Herzchirurg Professor Dr. med. Dr. med .h.c. mult. Ernst Derra für notwendig, die Nordrhein-Westfälische Landesärztekammer um das schriftliche Einverständnis zu bitten, bevor er einem (promovierten) MedizinJournalisten eine Fotoreportage von einer offenen Herzoperation gestattete.
Allmählich kündigte sich ein Wandel an: 1969, im gleichen Jahr, da die Bundesärztekammer befand, Medizin gehöre nicht in die Öffentlichkeit, lud Professor Ludwig Demling das Kollegium zu einem zweitägigen Arbeitsprogramm in die Medizinische Universitätsklinik Erlangen ein. Er wisse, schrieb Demling an das Kollegium, "daß Journalisten kaum jemals Gelegenheit haben, einen Klinikbetrieb aus eigener Anschauung näher kennen zu lernen." Aus Freude über seine Großherzigkeit wurde Professor Demling damals mit einem symbolischen "F" als "Freund des Kollegiums" geehrt. Diesen Dank für "außergewöhnliche Verdienste um das Kollegium" haben neben ihm erhalten Harald Hölscher, Hans Josef Mundt, Kate Strobel, Ruth Freifrau von Thüna, Hubertus von Tobien, Friedrich Voges, Gerd Wassenberg, Walter Weber, Fritz Weilenmann, Hans-Dieter Wendt und Sylvester Wöhler. (Außerdem pflegt das Kollegium für hilfreiche Unterstützung journalistischer Arbeit einen "Goldenen Groschen" zu vergeben.)
Das Kollegium war ein aus der Not geborener kollegialer Zusammenschluß von 21 fähigen MedizinJournalisten - es sollte weder ein eingetragener Verein noch eine berufsständische Organisation sein. Gründungsmitglieder waren Wolfgang Cyran, Günter Dahl, Hoimar von Ditfurth, Walter Erdmann, Karl M. Kirch, Bernhard Knoche, Paul Kühne, Erwin Lausch, Theo Löbsack, Hans Gerhard Meyer, Hans Mohl, Rolf S. Müller, Dieter Müller-Plettenberg, Alfred Püllmann, Thomas von Randow, Herbert L. Schrader, Georg Schreiber, Herbert Volkmann, Friedrich Weeren (Friedrich Deich), Eric Weiser und Christoph Wolff. Sie nahmen sich vor, einander in kritischen Situationen beizustehen. Als Paul Kühne starb, machten sie es möglich, daß seine Tochter ihr Medizinstudium weiterführen konnte; und nach dem Tod von Herbert Volkmann übertrugen sie, für einen fixen Ehrensold, seiner Witwe Liselotte die Betreuung der Kollegiumskasse.
In erster Linie ging es jedoch um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für MedizinJournalisten: Der frustrierende Umgang mit schwierigen ärztlichen Informanten und fachunkundigen Chefredakteuren, die in der Medizinberichterstattung nicht viel mehr als einen unterhaltsamen Nervenkitzel sahen, hatte die Vereinigung Gleichgesinnter gefördert, wenn nicht provoziert. Die in der dpa-Meldung von der Kollegiumsgründung erklärte Absicht, sich stets für "eine qualifizierte Berichterstattung und Information der Öffentlichkeit über medizinische Fragen" einzusetzen, ist als Selbstverpflichtung zu verstehen und das Leitmotiv des Kollegiums geblieben.
Gleich zu Beginn war beschlossen worden, daß künftig drei Sekretäre, einer von ihnen geschäftsführend, das Kollegium leiten solle. Diese Spielregel hat noch heute Gültigkeit, wenngleich die Intervalle zwischen den Neuwahlen des Sekretariats mehrmals modifiziert werden mußten; denn ohne Nachdruck hat sich kaum ein Mitglied dazu bereit erklärt, die ehrenamtliche und viel Zeit beanspruchende Geschäftsführung zu übernehmen. So kam es, daß der Journalist Dr. med. Georg Schreiber von 1965 bis 1975 als einfallsreicher geschäftsführender Sekretär den Werdegang des Kollegiums bestimmt hat. Sein Engagement kam dem Kollegium zugute, forderte aber schließlich aus den eigenen Reihen Kritik heraus. Die Sitzungsprotokolle jener Jahre weisen allerdings aus, daß nach seinem Rücktritt kein Mitglied geneigt war, seine Pflichten zu übernehmen. Ohne Kopiergerät, mittels ungezählter Blaupausen, verschickte er regelmäßig eng beschriebene Rundbriefe an die Kollegen und schrieb allein in den ersten Jahren nach der Gründung tausend Briefe.
Wie groß der Bedarf an medizinischer Berichterstattung in der Laienpresse war, zeigte sich bald: Viele Anfragen von Zeitungsredaktionen flatterten in Schreibers Minibüro in Gräfelfing: "Wer von Ihnen kann was über Grippe schreiben ?" "Wir suchen einen Pressereferenten." "Wer hat Kenntnisse über Rheuma ?" "Wer kann ein Buch schreiben, wer einen Film machen ?" Ehrenvolle und auch absichtsvolle Einladungen ergingen an das Kollegium, doch kollektive Einladungen wurden und werden abgelehnt. Ein neuer Markt hatte sich aufgetan, die Ware hieß: Gesundheit. In den illustrierten Zeitschriften eroberte sich schon bald der ratgebende "Hausarzt" einen festen Platz.
Nachdem etwa 50 bundesdeutsche Zeitungen über die Kollegiums-Gründung berichtet hatten, trafen Glückwünsche ein von der Bundesärztekammer, den Ärzteorganisationen, den Kongreßpräsidenten, den Universitäten, vom Gesundheitsministerium und von den Parteien. Bis zum 25. März 1965 lagen 16 Aufnahmeanträge u.a. von sechs Ärzten und sechs Redakteuren vor. Bald darauf schrieb das Kollegium die Aufnahme-Modalitäten fest: "Eine Mitgliedschaft kann nicht beantragt werden. Neue Mitglieder können nur durch das Kollegium berufen werden. Dazu notwendig sind eine Dreiviertelmehrheit und die schriftliche Stimmabgabe sämtlicher Kollegiumsmitglieder". Dieses Verfahren hat sich bewährt, wenngleich Außenstehende darin bisweilen "elitäres Gehabe" zu erkennen glauben.
Nachdem das Kollegium für den 9. Dezember 1965 Bonner Prominenz aus der Wissenschafts- und Gesundheitspolitik in die Godesberger Redoute mit dem freundlichen Hinweis eingeladen hatte, die Gäste seien zwar sehr willkommen, aber nicht "eingeladen", war die Idee "umgekehrter Pressekonferenzen" geboren - eine Art gezielter Weiterbildung für die Mitglieder des Kollegiums: Journalisten werden für gewöhnlich von Interessengruppen, Werbeagenturen oder Forschungsinstituten zu einem Informationsgespräch eingeladen. In Umkehrung dieser Gepflogenheit veranstaltet das Kollegium Pressegespräche, um bestimmte Themen, die der Tagesaktualität entstammen oder von besonderem Interesse sind, mit geladenen Experten zu erörtern. Viele solche Symposien haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten stattgefunden und sind zu einer Institution geworden. Die Diskussionen mit Wissenschaftlern und Politikern, Demoskopen und Ordinarien, die entweder (auf eigene Kosten) zu einem vorgegebenen Tagungsort anreisen oder an ihrem Arbeitsplatz aufgesucht werden, bestehen nicht aus aneinandergereihten Vorträgen. Erwünscht sind allenfalls kurze Statements, die ein Problem verdeutlichen und die Diskussion in Gang setzen. Dabei werden nicht selten Aspekte angesprochen, die entweder als Hintergrundwissen vertraulich behandelt werden sollen oder Rückschlüsse auf zukünftige Trends erlauben - News in statu nascendi.
"Kranke am Steuer", "Heilpraktiker - brauchen wir sie oder nicht ?", "Fluglärm - was kommt auf uns zu ?" oder "Brauchen wir ein Gesundheitsministerium ?" waren Fragestellungen, die erst Jahre später in das Bewußtsein der Öffentlichkeit eindrangen. Diskussionsthemen wie "Sterbehilfe", "Kann und wie soll man Ärzte kontrollieren ?" oder "Wird in der Bundesrepu-
blik zuviel operiert ?" setzten sich kritisch mit dem Medizinbetrieb auseinander.
Mehrmals stellte das Kollegium den MedizinJournalismus in Frage und versuchte zu analysieren, ob die medizinische Aufklärung Nutzen oder Gefahren birgt ("Beraten und verkauft"). Nachdem der Schriftsteller-Chirurg Julius Hackethal in zwei Büchern seine Kollegen aufs Korn genommen hatte und deshalb vom Kollegium nach Bonn eingeladen worden war, kam es zum Eklat: In der Nacht vor der Diskussionsveranstaltung kündigten zwölf namhafte Ordinarien ihre Teilnahme auf, weil sie einem Streitgespräch aus dem Weg gehen wollten. Sie überließen die leere Bühne dem "Nestbeschmutzer".
Zwei Veranstaltungen aus der jüngeren Vergangenheit können als typische Beispiele für das Weiterbildungs-Bestreben des Kollegiums herangezogen werden: Im Herbst 1985 ging es in Würzburg in Abwandlung der WHO-Fiktion ("Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000") um "Krankheit im Jahr 2000", mithin um neue oder nicht ausrottbare Leiden. Zwanzig Wissenschaftler und ebensoviele Journalisten diskutierten einen Tag lang über das zur Jahrhundertwende zu erwartende Krankheits-Szenarium und die möglichen Veränderungen im Gesundheitswesen.
Der Besuch des Aachener Klinikums im Frühjahr 1986 bot den Kollegiumsmitgliedern Gelegenheit, Spitzenforschung "hautnah" zu erleben. Der Besuch von acht Klinik- und Forschungsabteilungen der Technischen Hochschule Aachen zeigte einmal mehr, wie grundlegend sich die Einstellung der Wissenschaftler zur Öffentlichkeit gewandelt hat. Die Veranstaltung fand Niederschlag in vielen Veröffentlichungen.
Ein vom Sekretariat herausgegebener "Info-Dienst", acht- bis zwölfmal im Jahr verschickt, unterrichtet die Mitglieder über Kollegiumstagungen, Kongresse, Neuigkeiten, Ehrungen, Geburtstage und Aktivitäten sowie Neuerscheinungen von Büchern von Kollegen. Protokolle informieren über Verlauf und Beschlüsse von Mitgliederversammlungen. Ein großer Teil des jährlichen Beitrages der 66 Mitglieder, gegenwärtig 120 Mark, wird für Porti und Drucksachen verbraucht. Der durch Rundbriefe ergänzte postalische Kontakt fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder, von denen für gewöhnlich nur 30 bis 50 Prozent an den Kollegiumstagungen teilnehmen können; denn die in ein festes Arbeitsverhältnis eingebundenen Damen und Herren sind, wenn sie dabei sein wollen, entweder auf die Großzügigkeit ihrer Chefs angewiesen oder müssen eigens Urlaub nehmen. Die freiberuflich tätigen MedizinJournalisten sind mitunter durch andere Verpflichtungen verhindert.
Die Spezialisierung hat nicht nur die medizinische Wissenschaft in zahlreiche Disziplinen aufgesplittert; auch im Medizinjournalismus hat eine Aufgliederung stattgefunden: Alle Kollegiumsmitglieder sind tätig für Publikumspresse (dies ist eine Voraussetzung für die Mitgliedschaft), die meisten beliefern auch die medizinische Fachpresse. Sie arbeiten für Rundfunk und Fernsehen oder sie schreiben Bücher. Infolgedessen gibt es kaum eine Diskussionsveranstaltung, die für alle Mitglieder gleichermaßen von Interesse wäre. Zum zehnjährigen Jubiläum kam eine Selbstdarstellung des Kollegiums, das Buch "Vorsicht Medizin" auf den Markt. Es enthält Beiträge von 34 Autoren.
Neue Mitglieder haben mitunter den Wunsch geäußert, nicht nur einem "Club Gleichgesinnter" angehören zu wollen. Sie forderten vielmehr, das Kollegium müßte überall dort korrigierend und tadelnd eingreifen, wo MedizinJournalismus ohne Verantwortungsbewußtsein praktiziert wird. 1975 wurde besonders heftig darüber diskutiert, ob das Kollegium als berufsständisches Instrument genutzt und straffer organisiert werden sollte. Der Streit führte zum Austritt einiger Mitglieder. Doch soweit erkennbar haben diese ihre ehrgeizigen Vorstellungen bisher nicht verwirklichen können. Es ist in der Tat schwer vorstellbar, daß sich eine Gruppierung von Journalisten zum Schiedsgericht über Kollegen aufschwingt. Das Kollegium hat damals Leitsätze formuliert, die für jeden Publizisten bindend sein sollten, der über Kranke und Krankheiten, Ärzte und Behandlungen schreibt. Sie lauten:
- Medizinpublizistische Veröffentlichungen stehen wegen ihrer Rückwirkungen auf gefährdete, betroffene und kranke Leser, Hörer und Zuschauer unter einer besonderen Verantwortung. Gefragt werden sollte deshalb stets: Kann eine Veröffentlichung unter diesem Gesichtspunkt vor allem in der gewählten Art und Form und Aufmachung verantwortet werden ?
- Berichte aus Medizin und Gesundheitspolitik sollten keine unnötige Angst und keine falschen Hoffnungen auslösen. Sie sollten ganz klar zeigen, was nach dem aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis als gesichert und was als ungeklärt oder umstritten gilt.
- Vor- und Nachteile sollten stets sorgfältig abgewogen werden. Gefragt werden muß: Ist die Quelle der Information bekannt ? Ist die Information zuverlässig, überprüft und
verständlich ? Werden Ängste abgebaut oder aufgebaut ? Werden berechtigte oder falsche Hoffnungen geweckt ? Könnte der Schaden größer sein als der Nutzen ? - Der MedizinJournalist erfüllt seine Aufgabe in Freiheit gegenüber Firmen und Branchen, Institutionen und Verbänden.
- Auf Medizin nicht spezialisierte Journalisten können die Problematik und Gefährlichkeit medizinischer Berichterstattung oft nicht abschätzen. Chefredaktionen sollten deshalb dafür sorgen, daß bei medizinischen und gesundheitspolitischen Themen fachkundiger Rat eingeholt wird. Auch in der journalistischen Ausbildung sollte die besondere Verantwortung medizinpublizistischer Tätigkeit bewußt gemacht werden."
Der mit dem Erscheinen mehrerer ärztlicher Tageszeitungen exponentiell gewachsene Bedarf an medizinisch vor- oder ausgebildeten Journalisten scheint auch in der Publikumspresse das Bewußtsein für eine Qualifizierung medizinischer Berichte geschärft zu haben. Auch das Engagement des Kollegiums um eine adaequate Behandlung medizinischer Themen in der Laienpublizistik hat sich gewandelt: Da die Versuche fehlschlugen, über Verleger und Chefredakteure auf die Medizinredaktionen einzuwirken, beruft das Kollegium seit geraumer Zeit solche Damen und Herren ins Kollegium, deren Talent und deren sachliche Darstellung medizinischer Sachverhalte in Rundfunk, Fernsehen oder den Printmedien offenbar ist. In der individuellen Förderung und moralischen Stärkung begabter Journalisten zeigt sich eine Möglichkeit, um die vom Kollegium erarbeiteten Grundsätze medizinpublizistischer Arbeit auch in jenen Redaktionen anzusiedeln, in denen die medizinische Berichterstattung noch nicht als eine für Patienten relevante Information, sondern als Sensation dargeboten wird.
Die Zeit ist vorüber, da eine Handvoll mutiger MedizinJournalisten dem Medizinbetrieb Denkanstöße und Anregungen zu geben vermochte. Das Kollegium der MedizinJournalisten muß seine Aufgabe darin sehen, Verantwortungsbewußtsein vorzuleben.
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Zuletzt bearbeitet 15.06.2007 16:03 Uhr
