6. Februar 1965
Von den Anfängen des Kollegiums. Eine Erinnerung
Das Kollegium der Medizinjournalisten wurde am 6. Februar 1965 in Wiesbaden gegründet. Schon ein Jahr vorher hatte sich ein Teil des Freundeskreises - vorwiegend Ärzte und ein paar Journalisten aus dem medizinischen Bereich, die sich auf Kongressen und Veranstaltungen immer wieder trafen - in Meran anlässlich des Jahreskongresses der ABDA (Arbeitsgemeinschaft der Berufsvertretungen Deutscher Apotheker, heute heisst sie „Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände - ABDA") zu einem solchen Schritt verabredet. Dr. med. Georg Schreiber, Dr. Dieter Müller-Plettenberg und Dr. Paul Kühne waren die eigentlichen Initiatoren.
In den sechziger Jahren war der Beruf des Medizinjournalisten keineswegs anerkannt. Ärzte - häufig noch durchaus „Halbgötter in Weiß" - sahen in den schreibenden Ärzten vorwiegend verkrachte Existenzen und waren nur selten bereit, mit ihnen auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren. Überhaupt diskutierte man damals nicht gern öffentlich über medizinische Probleme, es gab gar keine Medien dafür : 2 Fernsehprogramme, die erst ab 18.00 Uhr sendeten. Eine der frühesten Medizinsendungen, das „Gesundheitsmagazin Praxis", seit 1964 im ZDF von Hans Mohl moderiert, musste das Informationsbedürfnis der Patienten abdecken und das war damals noch gar nicht so gross. In den Illustrierten gab es Berichte, die teils seriös recherchiert waren, teils aber mit reisserischen Aufmachern und sensationellen Berichten das Gegenteil von seriöser Information vermittelten. Dem abzuhelfen und dem seriösen fundierten Jonmalismus eine Plattform zu geben, erfand der Freundeskreis das Kollegium.
Von vornherein war vereinbart, dass es bei einem Freundeskreis bleiben sollte, kein Verein, kein Verband, keine Satzungen mit bürokratischem Aufwand. Das wurde auch viele Jahre so gehandhabt. Es gab einen Geschäfts¬führenden Sekretär, der bei der jährlichen Mitgliederversammlung gewählt oder bestätigt wurde ( viele Jahre war das Georg Schreiber), später noch einen Kassenwart. Neue Mitglieder suchte sich das Kollegium selber. Wer jemanden, der zu dem Kreis passte, vorschlug, brauchte mindestens noch zwei Stimmen, die ihn unterstützten, sozusagen als Bürgen. Dann wurde der oder die „Neue" eingeladen und „besichtigt". Erst dann wurde abgestimmt. Bewerben um Aufnahme ins Kollegium konnte man sich nicht, man konnte nur vorgeschlagen und gewählt werden. Eine der ersten Aktionen des neuen Kollegiums, das sich ja vorstellen und bekannt machen wollte, mit Georg Schreiber als geschäftsführendem Sekretär, war, die Spitzen der Gesundheitspolitik, allen voran die Gesundheitsministerin Käthe Strobel und die Verbände zu einem Gespräch in die Godesberger Redoute zu bitten, nicht „einzuladen". Noch Jahre später waren die Gründer des Kollegiums noch erschrocken über den eigenen Mut und die Tatsache, dass wirklich alle kamen, zuhörten und sich zu Gesprächen bereit fanden, (s.auch Bericht Hedda Heuser).
Diese Rolle hat das Kollegiums über viele Jahre beibehalten: das Kollegium selbst war der Veranstalter, wählte einmal im Jahr ein Thema , lud die Professoren ein, mit denen man diskutieren wollte, war nie Bittsteller sondern Gastgeber und Fragesteller. Für die Kollegen eine ideale Basis, direkt mit den Koryphäen ihrer Fachgebiete zu sprechen und nachzufragen, was sonst im Kongressbetrieb so nicht möglich war. Für die Eingeladenen war nicht uninteressant, die Lücken zu erfahren, die zum Verständnis ihrer Arbeiten und Themen bei einem breiteren Publikum noch offen waren, sie fanden zuständige Vermittler. Einmal im Jahr gab es eine solche Veranstaltung, ihr vorangestellt war meist die Mitgliederversammlung. Den Preis „Medizin im Wort" gab es erst ab 1975. Das Kollegium war von Anfang an auf den seriösen Medizin] ournalismus eingeschworen. Veröffentlichungen in der Yellow-Press, die ihre Auflagen mit neuen Wundermitteln z.B. gegen Krebs steigern sollten, brachten das Kollegium zu seinen Grundsatzregeln, die Hans Mohl formulierte - und die dann lange Jahre im Mitgliederverzeichnis abge¬druckt waren (Anlage).
Ausser bei den grossen Kongressen in Wiesbaden und Karlsruhe, wo sich die Kollegen sowieso trafen, war der Fortbildungskongress der ABDA (Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Apotheker) in Meran ein wichtiger und sehr beliebter Treffpunkt .Die fundierten Vorträge der Veranstaltung und der Rahmen waren für alle interessant. Alle Jahre lud Hans Dieter Wendt, Leiter der Abteilung Information und Öffentlichkeitsarbeit der ABDA und seit 1969 „Freund des Kollegiums" Mitglieder des Kollegiums mit ihren Frauen die Woche über Himmelfahrt nach Meran ein. Hier traf man auf Jornalisten aus Wirtschaft und Finanzwelt, z.B. von der FAZ oder Welt. Viele Jahre wurden wir im alten Grandhotel Palace untergebracht, das Kollegium tagte dann im Garten des Palace am Pool oder in der alten Halle. In diesen Jahren war Meran
Ehrensache und alle kamen gern.
Hier wurde die nächste Veranstaltung besprochen, die Themen, der Ort, die Referenten festgelegt, Aufgaben zugewiesen , Sponsoren gesucht etc. Meran hiess auch immer Arbeit, wenn auch unter angenehmsten Bedingungen. Denn neben allen Vorträgen, Begegnungen, Interviews, Diskussionen mit den Referenten und untereinander war eben auch Meran wunderschön. Die Gastgeber grosszügig. Die Atmosphäre war heiter, fröhlich, die Teilnehmer
oft ausgelassen und für jeden Jux zu haben. Da wurden nachts die Schuhe vor den Zimmern (die stellte man damals noch raus zum putzen !) vertauscht, der Fahrstuhl mit den Zimmerpalmen versperrt oder das Zimmer eines Kollegen völlig ausgeräumt. In Meran war immer was los. Niemand hat sich je beschwert, jedenfalls nicht ernstlich. Das alte Palace war
für eine Woche für alle ein urvertrautes heimatliches Domizil. Die Präsiden und Vorstandsmitglieder der Apotheker waren an den Kontakten zur Presse interessiert. Und abends ging kein Weg an Robert in der Bar vorbei.
Als Hans Mohl 1970 das Ehrenzeichen der Deutschen Ärzteschaft bekommen hatte, empfing ihn das Kollegium in Meran mit einem „grossen Bahnhof': mit einer prächtigen höfischen Pferdekutsche, dem Riesenschild „Allen wohl will unser Mohl". (Fotos) Es wurde eine Riesen-Gaudi und natürlich Stadtgespräch. Beim Journalistenabend, der in Schenna oder Dorf Tirol stattfand, bedankte sich das Kollegium bei seinem Gastgeber, auch das ein heiterer Akzent bei einem sonst in der Tat arbeitsintensivem Kongress.
Ab etwa Mitte der achtziger gab es für die Journalisten das Palace nicht mehr, man zog um ins benachbarte Hotel Stephanie. Und auch der alte Kreis der Kollegiumsmitglieder wurde dünner - viele konnten nicht mehr so frei über ihre Zeit verfügen wie in den sechziger und siebziger Jahren und für viele war auch die Thematik der Pharmazeuten nicht ergiebig genug. Das Kollegium war gewachsen. Was besprochen und geplant werden musste, konzentrierte sich auf die Mitgliederversammlung. Die Veranstaltungen wurden professioneller und fanden ein gutes Echo in der Presse, aus dem ehemaligen Freundeskreis war eben das „Kollegium" geworden.